Zu irritierender Raumerfahrung komponiert


Von allen Seiten stürzt das Wasser des Rheinfalls in die Bildmitte. Was
auf den ersten Blick wie ein fotografisches Dokument eines Naturphänomens
aussieht, entpuppt sich als konstruierte Bildwelt. Die digitale Technologie der
Bildbearbeitung macht es möglich, Wasserstrudel in verschiedene Richtungen
gleichzeitig fliessen zu lassen. Um es gleich vorwegzunehmen: Christoph
Schreiber ist kein Fotograf. Mit der Gestaltungskraft des Malers nutzt er die
technischen Möglichkeiten, um Bilder statt mit dem Pinsel am Computer
entstehen zu lassen. Er komponiert Elemente aus verschiedenen Bildquellen
zu präzis ausgereiften Werken, die sich optisch zwar nicht von Fotografien
unterscheiden, die aber in der Natur so nicht sichtbar sind. Auf diese Weise
entstehen merkwürdige Situationen. Mag sich der Betrachter mit Blick auf
Rohre, die ins Nichts führen, oder auf eine verlassene Baumgruppe in einem
ausgelassenen See fragen, ob dies tatsächlich so vorgefunden sein könnte,
zeigen andere Bilder offensichtlicher, wie Schreibers Kompositionen entstehen.
Das Bild einer schwebenden Aussichtskanzel ist unmöglich mit einer Foto-
kamera festzuhalten. Die Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts findet so
ihre zeitgenössische Weiterentwicklung. Die Werke von Künstlern wie Rudolf
Koller, Robert Zünd oder Alexandre Calame entstanden im Grunde ähnlich
wie Schreibers Bilder. Die meisten Landschaftsmaler der Romantik und
des Realismus waren Ateliermaler. In der Regel entstanden ihre Werke in
der Werkstatt auf Grund von Skizzen, die sie zuvor im Freien angefertigt
hatten.

Gerade deswegen können längst nicht alle der pathetischen Alpenbilder
und heroischen Küstenlandschaften des 19. Jahrhunderts – trotz
einer stark naturalistischen Darstellungsweise – in der Realität einer
Umgebung zugeordnet werden. Häufig setzten die Ateliermaler Motive
von verschiedenen Skizzen nach klaren geometrischen Vorstellungen
zu einem einzigen Bild zusammen und ergänzten sie mit pittoresken
Versatzstücken wie Kuhhirten, weidenden Schafen oder einsamen
Wanderern. Auch wenn auf Schreibers Bildern zu Beginn des 21. Jahr-
hunderts aus Kuhhirten schwarze Figuren auf Hochhaus-Balkonen ge-
worden sind, stehen seine Werke in der 200-jährigen Tradition der Land-
schaftsmalerei. Dennoch sind sie weit entfernt von den romantischen
Sinnbildern eines Caspar David Friedrich. Schreibers Werke sind Natur-
ausschnitte, die vorgefundene Strukturen zu einer irritierenden, neuen
Raumerfahrung zusammensetzen. Es sind konstruierte Wirklichkeiten.
Beunruhigend wirken sie nicht zuletzt deshalb, weil sie die Grenzen
der dokumentarischen Fotografie offenbaren. Mit der gleichen Technologie,
die Schreiber für seine Bildwelten nutzt, können auch Manipulationen
vorgenommen vorgenommen werden, die Realität vorspiegeln.

Adrian Scherrer, erschienen in den Zürichsee-Zeitungen, 2003